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Pressemitteilungen der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle
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Pressemitteilung

MipCom, Cannes, Frankreich, 07.10.2002

Europäische TV-Fiktionsprogramme: Höchstes Produktionsniveau in einer turbulenten Atmosphäre

Die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle, Straßburg, Frankreich, veröffentlicht bereits zum sechsten Mal in Folge den jährlichen Bericht "EUROFICTION. Fiktionales Fernsehen in Europa". Der Bericht ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen fünf nationalen Wissenschaftsteams, die seit dessen Gründung 1996 am EUROFICTION Projekt mitarbeiten; Italien: Universität Florenz, Fondazione Hypercampo, Osservatorio sulla Fiction Italiana (OFI) - Frankreich: Institut National de l'Audiovisuel (INA), Conseil Supérieur de l'Audiovisuel (CSA) - Deutschland: Universität Siegen - Spanien: Universitat Autònoma de Barcelona (UAB), Corporación Multimedia y TVC - Vereinigtes Königreich: Britisches Filminstitut (BFI).

  • Höchstes Produktionsniveau seit 1996
  • Größter Anstieg in Italien und Spanien, Frankreich gegen den Trend
  • Erhebliche Unterschiede bei den produzierten Fiktionsformaten
  • Eine turbulente Atmosphäre

Höchstes Produktionsniveau seit 1996

Das Gesamtangebot an Erstausstrahlungen von einheimischen fiktionalen Programmen im europäischen Fernsehen in den fünf größten europäischen Fernsehmärkten Deutschland, Vereinigtes Königreich, Italien, Spanien und Frankreich beläuft sich 2001 auf 5883 Stunden. Die Zunahme um etwas mehr als 300 Stunden bedeutet einen Anstieg von 5,7% gegenüber 2000 und gleicht sogar den Rückgang aus, der 2000 gegenüber 1999 zu konstatieren war. Im Vergleich zu 1996, dem Jahr der ersten Eurofiction-Studie, stieg der Anteil an Erstausstrahlungen von einheimischen fiktionalen TV Programmen (Spielfilme ausgenommen) in den Programmplänen öffentlich-rechtlicher und privater Kanäle um mehr als 1700 Stunden (43%).

Größter Anstieg in Italien und Spanien, Frankreich gegen den Trend

Bereits die Entwicklung der Produktionsvolumina nach Stunden in den einzelnen Ländern deutet auf wesentliche nationale Unterschiede hin. Während man 1996 bei der italienischen TV-Fiktionsproduktion kaum von einer "Industrie" sprechen konnte, hat sich in den letzten sechs Jahren ein Produktionssystem entwickelt, das das Dreieinhalbfache des Produktionsumfangs von 1996 liefert. Spanien hat vergleichbare Wachstumszahlen aufzuweisen. Gleichzeitig war in Frankreich eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Wenn man von einer vorübergehenden Belebung in den beiden Jahren 1998 und 1999 absieht, ist die Produktion in Frankreich systematisch zurückgegangen und ist damit der einzigen Fall einer Industrie mit einem geringeren Produktionsniveau als 1996.

Erhebliche Unterschiede bei den produzierten Fiktionsformaten

Die Betrachtung von zwei weiteren Indikatoren, d. h. der Anzahl der verschiedenen Titel und der Anzahl der pro Titel produzierten Folgen, ermöglicht eine noch differenziertere Bewertung der Situation. Deutschland ist nach jedem der berücksichtigten Indikatoren nach wie vor der Hauptproduzent in Europa. Die Tatsache, dass 45% aller Titel in Deutschland produziert werden, steht vermutlich mit seiner Konkurrenzfähigkeit im Exportbereich im Zusammenhang. In Bezug auf die Vielfalt der produzierten Titel nimmt Frankreich ungeachtet des geringen Umfangs in Stunden den zweiten Rang ein und zeigt ein relativ hohes schöpferisches Potenzial. Beide Länder pflegen nach wie vor in großem Maße das Einzelformat wie z. B. Fernsehfilme. Dem gegenüber stehen Spanien und Italien mit einem überaus hohen Serienindex in ihrer Produktion.

Struktur der Erstausstrahlungen von einheimischen TV-Fiktionen 2001 nach Ländern

 
Stunden
 Titel 
 Folgen 
Serien-Index*
2001
Serien-Index*
1996
Deutschland
1 800
387
2 628
6,7
8,5
Vereinigtes Königreich
1 463
170
2 407
14,0
9,2
Spanien
1 306
61
2 467
40,4
25,7
Italien
761
57
1 194
20,9
5,4
Frankreich
553
176
715
4,0
4,6
Insgesamt
5 883
851
9 411
 
 
Quelle: Eurofiction            *durchschnittliche Folgenzahl pro Titel

Eine  turbulente Atmosphäre

Trotz der Tatsache, dass diese Produktionsvolumen 2001 noch gestiegen sind, haben sich die Bedingungen für die Produktion fiktionaler Programme in Europa insgesamt zweifelsohne verschlechtert. Schuld daran ist die Verkettung von vielen ungünstigen Faktoren. Besonders herausragend ist hier die Einführung von Reality- und Game-Shows in die Programmpläne des europäischen Fernsehens. Sie sind zu einer strategischen Priorität der Rundfunkveranstalter geworden. Die Rundfunkveranstalter setzen wichtige Planungs-, Werbe- und Erfüllungsverpflichtungen in dieses Programmgenre. Im Vergleich zu Fiktionsprogrammen haben Reality-Shows einen doppelten Wettbewerbsvorteil. Sie sind wesentlich kostengünstiger als Fiktionsprogramme durchschnittlicher Qualität, können aber gleiche Erfolge wie diese erreichen. Zusätzlich bieten sie Einsparmöglichkeiten im kreativen Bereich, und ihre Gestaltung beruht oftmals auf bewährten internationalen Formaten.

Ein weiterer ungünstiger Faktor ist die schwache Position der unabhängigen TV-Produktionsbranche in Europa, wofür es bekannte Gründe wie ungenügende finanzielle Ausstattung, fehlende Rechtevorbehalte an ihren Produktionen und unterentwickelte Sekundärmärkte für Fiktionsprogramme in Europa gibt.

Als dritte große Bedrohung für die TV-Fiktionsproduktion in den kommenden Jahren lässt sich deren geringe Fähigkeit zu Entwicklung und Erneuerung ausmachen. Wenn auch das Aufkommen sehr kurzer Formate (von nur wenigen Minuten Dauer) in den europäischen Programmplänen eine wirkliche Neuerung darstellt, ändert es doch nicht das eher statische Gefüge beim europäischen TV-Fiktion, bei dem der besonnene Rückgriff auf Altbewährtes überwiegt.

"Eurofiction. Fiktionales Fernsehen in Europa. Bericht 2002" wird von der EUROFICTION-Arbeitsgruppe mit Koordinierung durch die Hypercampo-Stiftung produziert und von der Europäischen Audiovisuellen Informationsstelle, Straßburg, Frankreich, veröffentlicht. ISBN 92-871-5028-1, 220 Seiten, EUR 685,-


Die Europäische Audiovisuelle Informationsstelle, die im Dezember 1992 in Straßburg gegründet wurde, widmet sich der Erhebung, Auswertung und Veröffentlichung von Informationen über den europäischen audiovisuellen Sektor. Sie umfasst als europäische öffentlich-rechtliche Organisation derzeit 35 Mitgliedsstaaten und die Europäische Union. Die Informationsstelle wurde als Teil des Europarats gegründet und kooperiert mit verschiedensten Partnern, entsprechenden Fachorganisationen und einem Netz von Korrespondenten. Ihre Hauptaktivitäten bestehen in der Erarbeitung von Publikationen, Datenbanken und einer umfassenden Internet-Seite sowie in Beiträgen zu Konferenzen.